Interview mit Neurologie-Chefärztin Dr. Yvonne Bauer zum Welt-Schlaganfalltag

20. Okt 2021

Am 29. Oktober ist Welt-Schlaganfall-Tag. Im Ernstfall zählt für Betroffene und Angehörige jede Sekunde. Über alles Wichtige zum Thema haben wir mit Dr. Yvonne Bauer, Chefärztin der Neurologie am Klinikum Werra-Meißner, gesprochen.

Woran merken Angehörige oder Betroffene, dass sie einen Schlaganfall haben? Stichwort FAST-
Regel.
Dr. Yvonne Bauer: Der Schlaganfall ist durch sein plötzliches und unerwartetes Auftreten für
Betroffene und ihre Angehörigen im wahrsten Sinne des Wortes ein „SCHLAG". Es kann zu Läh-
mungen, Gefühlsstörungen, Sprachstörungen, Schwindel, Fallneigung oder Sehstörungen, im Sinne
von Doppelbildern und Gesichtsfeldausfällen kommen. Die Symptome eines Schlaganfalls sind sehr
vielfältig und manchmal für den Laien nicht einfach zu erkennen. Ein sehr einfacher Test, der
angewandt werden kann und die häufigsten (nicht alle) Symptome erfasst, ist der FAST-Test. Der
Buchstabe F steht für Fazialis, das ist der Nerv, der unter anderem unseren Mund versorgt. Bei einem
Ausfall im Rahmen eines Schlaganfalls kann der Betroffene einen Mundwinkel nicht mehr zum
Lächeln anheben. Der Mund wirkt schief. Der Buchstabe A steht für Arm. Bittet man den Betroffenen,
beide Arme vor den Körper zu heben. Ist dies nicht mehr oder nur sehr schwer möglich oder besteht
eine Ungeschicklichkeit des Arms, dann ist dies ein weiteres Symptom für einen Schlaganfall. Das S
steht für Sprache. Wenn der Betroffene einen vorgesprochenen Satz nicht und nur sehr undeutlich
nachsprechen kann, ist auch hier die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich um einen
Schlaganfall handeln könnte. T steht für Time, was deutlich machen soll, dass keine Zeit zu verlieren
und schnellstmöglich die Rettung zu verständigen ist.

Warum ist es so wichtig, bei Rufen des Notarztes nicht zu zögern?
Bauer: Die Frage ist einfach zu beantworten. Durch einen Schlaganfall erhalten die Nervenzellen im
Gehirn zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe, so dass sie zugrunde gehen. Das Gehirn schaltet
sozusagen in einen Notfallmodus und versucht, so viel Gewebe wie möglich noch zu durchbluten. Das
ist das Gewebe, das wir als rettbar beschreiben. Um dies auch retten zu können, muss der Patient so
schnell wie möglich ins Krankenhaus, bestenfalls in eine spezialisierte Schlaganfallstation, einer
sogenannten Stroke-Unit, wie sie in unserem Haus in Eschwege vorhanden ist.

Wie wird ein Schlaganfall behandelt?
Bauer: Die Behandlung richtet sich nach der Art des Schlaganfalls. In 80 % der Fälle ist ein Gefäß
verstopft. Hier kann der Arzt, falls keine relevanten Gegenanzeigen vorliegen und der Patient
rechtzeitig in der Klinik eintrifft, eine sehr starke Blutverdünnung, eine sogenannte Lysetherapie
durchführen. Bei einem Verschluss eines sehr großen hirnversorgenden Gefäßes kann das
Blutgerinsel auch mit einem kleinen Katheter aus dem Gefäß entfernt werden. Hierfür verlegen wir
die Patienten in ein dafür spezialisiertes Zentrum, meisten zu den Kollegen der Neuroradiologie der
Universität Göttingen.
In 20 % ist die Ursache des Schlaganfalls aber eine Blutung. Je nach Größe und Lokalisation muss hier
eine Operation durchgeführt werden. Dies übernehmen die Kollegen der Neurochirurgie (Göttingen).
In jedem Fall ist jedoch eine schnelle Einweisung in die Klinik nötig. Hier erfolgt notfallmäßig die
nötige bildgebende Diagnostik. Somit können wir sofort feststellen, um welche Art des Schlaganfalls
es sich handelt und die nötigen therapeutischen Schritte einleiten.


Wie sind die Genesungschancen nach einem Schlaganfall?
Bauer: Das kommt auf die Größe und die Lokalisation des Schlaganfalls an. Der Patient erhält auf der
Schlaganfallstation die bestmögliche Behandlung durch alle Berufsgruppen, d. h. durch erfahrenes
Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Ärzte. Sollte im Anschluss an
den Krankenhausaufenthalt eine Rehabilitation nötig sein, kümmern wir uns gemeinsam mit der
Sozialarbeiterin darum. Durch die modernen Therapien kann häufig bereits im Krankenhaus eine
Besserung der Schlaganfallsymptome erreicht werden.

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